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Ausgrenzung, Pogrom und Deportation: Das gewaltsame Ende der Göttinger Juden

Von Peter Aufgebauer — Mittwoch, den 26 Januar 2022 © Göttinger Tageblatt mit Genehmigung

Ausgrenzung, Entwürdigung – und nach der Deportation der Tod: Das war das Schicksal der bis 1942 in Göttingen und in den umliegenden Gemeinden verbliebenen Juden. Zum Holocaust- Gedenktag erinnert das Tageblatt an das gewaltsame Ende der Göttinger Juden.


Mitglieder der jüdischen Gemeinde in Göttingen (v.li. im Uhrzeigersinn): Katie (Katrin) Cohn-Colmann, Marie-Luise Müller, Jacob Ronsheim, Edith Kempner, Georg Meyerstein, Gerhard Löwenstein, Ida Nußbaum und Klara Löwenstein. Quelle: Stadtarchive / Michael Braker

Göttingen Wegen der Olympischen Spiele 1936 in Berlin und der zahlreichen ausländischen Gäste wurden die sichtbaren judenfeindlichen Maßnahmen vorübergehend reduziert. Der preußische Innenminister ordnete an, Schilder mit der Aufschrift „Juden unerwünscht!“ und andere volksverhetzende Plakatierungen „unauffällig“ zu entfernen.

Doch in den Jahren 1937 und 1938 wurde die auf Ausgrenzung, Rechtloserklärung, Schikanierung und Drangsalierung ausgerichtete Politik wieder in vollem Umfang aufgegriffen. Allein im Jahr 1937 ergingen 145 judenfeindliche Gesetze und Verordnungen, im Folgejahr waren es bereits 285.

Vermehrt mussten jüdische Geschäftsinhaber aufgeben und versuchten, das Land zu verlassen oder in Großstädten wie Hamburg und Berlin an den sozialen Verbund großer jüdischer Gemeinden Anschluss zu finden und wirtschaftlich mehr schlecht als recht zu überleben. Vielen Geschäftsleuten und Firmeninhabern bot andererseits die von den judenfeindlichen Maßnahmen erzwungene Aufgabe der jüdischen Konkurrenz und ihre Abwanderung eine Möglichkeit für „lohnende Geschäfte“ durch billige Übernahme. Zwischen 1933 und 1938 hatten mehr als 150 000 Juden Deutschland verlassen – Ziele waren vor allem die Niederlande, England sowie Nord- und Südamerika.

Verschärfung der Maßnahmen

Infolge der Annexion Österreichs im März 1938 erhöhte sich die Anzahl der im nunmehr „Großdeutschen Reich“ lebenden Juden von rund 350 000 auf rund 540 000. Die judenfeindlichen Bestimmungen wurden jetzt auch auf die österreichischen Juden angewandt.

Durch ein Gesetz vom 28. März verloren die jüdischen Organisationen ihren öffentlich-rechtlichen Status; Neubildung, Veränderung und Auflösung der Vereinigungen bedurften fortan einer Genehmigung. Eine Verordnung vom 26. April zwang alle Juden, ihr gesamtes in- und ausländisches Vermögen einschließlich der zum Haushalt gehörenden Luxusgegenstände anzumelden; diese Meldepflicht galt auch für die nichtjüdischen Ehegatten.


Kennkarte von Max Raphael Hahn Quelle: Stadtarchiv / Brakemeier

Eine ergänzende Anordnung machte die Neueröffnung, Veräußerung oder Verpachtung jüdischer Gewerbebetriebe genehmigungspflichtig, wobei in der Regel lediglich die Veräußerung genehmigt wurde. Andere Verordnungen schlossen die Juden vom Grundstückshandel, Wandergewerbe und einer Tätigkeit als Handelsreisende aus.

Bis zum 31. Dezember 1938 mussten alle Juden eine besondere Kennkarte beantragen und im Verkehr mit Behörden künftig „stets unaufgefordert auf ihr Judentum hinweisen“. Die Kennkarten zeigten ein eingedrucktes großes „J“. Vom 1. Januar 1939 an mussten jüdische Männer den zusätzlichen Vornamen „Israel“ und die jüdischen Frauen den zusätzlichen Vornamen „Sara“ führen. Max Raphael Hahn konnte diese Auflage umgehen, weil sein dritter Vorname „typisch jüdisch“ Ruben lautete.

Ausweisung der „Ostjuden“

Mit Polizeiverfügung vom 27. Oktober 1938 wurde rund 17 000 Ostjuden (polnischer Staatsangehörigkeit) mit sofortiger Wirkung der Aufenthalt im Deutschen Reich verboten und viele von ihnen per Abschiebehaft über die deutsch-polnische Grenze verbracht und erst nach tagelangem Umherirren im Niemandsland nach Polen hineingelassen. Unter ihnen befanden sich aus Göttingen die Witwe Amalie Katz und die Altwarenhändler Neche und Markus Wagner. Die meisten ihrer sieben Kinder hatten sie bereits seit 1935 ins Ausland geschickt, auch um sie vor Anfeindungen in der Schule zu schützen. Wegen ihres behinderten Sohnes Moses, der in der Heil- und Pflegeanstalt am Rosdorfer Weg untergebracht war, blieben sie selbst aber solange es möglich war in Göttingen.

Von Polen aus konnten Neche und Markus Wagner schließlich nach Palästina emigrieren. Ihr behinderter Sohn Moses wurde mit anderen Patienten des Landeskrankenhauses im Herbst 1940 nach Polen verbracht und ermordet.

Der Novemberpogrom

Unter den ins Niemandsland abgeschobenen Juden war auch die Familie des Schneiders Sendel Grünspan aus Hannover, deren siebzehnjähriger Sohn Herschel sich gerade in Paris aufhielt. Auf die Nachricht von der Abschiebung seiner Eltern hin verübte Herschel Grünspan am 7. November – „aufgebracht und fassungslos“ – ein Attentat auf den deutschen Botschaftsangehörigen Ernst vom Rath – „daß die ganze Welt meinen Protest erhört!“ Vom Rath erlag am 9. November seinen Verletzungen.

Noch in der Nacht vom 9. auf den 10. November, durch Fernschreiben und Blitztelegramme der Gestapo vorbereitet, wurden durch SA- und SS-Kommandos über 250 Synagogen im ganzen Reich niedergebrannt, darunter auch die Göttinger Synagoge. Hier hatte der SS-Oberführer Kurt Benson dem Führer der SS-Standarte 51, Friedrich Steinbrink, befohlen, die Göttinger und die Adelebser Synagoge anzuzünden und die Juden zu verhaften.


Die im Novemberpogrom zerstörte Synagoge in Göttingen. Quelle: Städtisches Museum Göttingen

In dem unmittelbar an die Göttinger Synagoge angrenzenden Gemeindehaus wohnten der Kantor und Lehrer Heinz Junger, seine Frau Else, ferner der Synagogendiener Julius Asser mit seiner Frau Jenny und deren Mutter Berta Fernich – zusammen mit ihren Kindern acht Personen. Mit der Synagoge verbrannte auch ihre Wohnung, sie selbst entkamen nur knapp dem Tod.

Rollkommandos und höhnische Beschimpfungen

Die Schaufenster der wenigen in Göttingen noch bestehenden jüdischen Geschäfte wurden zerschlagen, die Auslagen verwüstet. Einzelne Juden wurden misshandelt und ihre Wohnungseinrichtungen zerstört.

In der Goetheallee wurden die Wohnungen von Ludwig und Margret Löwenstein und die von Gustav und Amalie Rosenmeyer völlig verwüstet und Schmuck entwendet. Gustav Rosenmeyer wurde mehrfach die Treppe hinuntergestoßen, bis er schwer verletzt das Bewusstsein verlor. Ein Rollkommando mit dem SS-Scharführer Karl Vetter an der Spitze suchte gezielt die Wohnung von Max Raphael und Gertrud Hahn an der Merkelstraße auf; Möbel wurden demoliert, Einrichtungsgegenstände flogen zum Fenster hinaus, Fenster wurden eingeschlagen, Geschirr, Glas und Porzellan zerstört. Unter höhnischen Beschimpfungen – „Judensau“, „Drecksjude“, „Judenlümmel“ – wurde das Ehepaar Hahn durch das Ostviertel getrieben.

Ähnlich erging es den Familien von Richard Gräfenberg an der Weender Straße, Paul Silbergleit am Papendiek, Leopold Katz und Max Silbergleit an der Groner Straße. Auf Weisung der Staatsanwaltschaft stellte die Kriminalpolizei anschließend keinerlei Ermittlungen an. Reichsweit kamen in dieser Nacht mehr als einhundert Juden ums Leben.

Die in Göttingen „greifbaren“ Juden wurden verhaftet, die als Synagogenvorstand oder wegen ihres Vermögens Exponierten wurden wochen- und monatelang in Polizei- und Gerichtsgefängnissen festgehalten. Als sie freigelassen wurden, mussten sie sich zur Auswanderung verpflichten.

Die noch bestehenden jüdischen Geschäfte wurden in den Wochen nach dem Pogrom zwangsweise „arisiert“. Die Erfahrungen des 9. November führten dazu, dass viele der bisher noch verbliebenen Juden während der folgenden Monate versuchten, das Land zu verlassen. Max Raphael und Nathan Hahn zogen mit ihren Ehefrauen nach Hamburg. Es gelang ihnen aber nicht mehr auszuwandern, sie wurden schließlich deportiert und ermordet.

In Göttingen blieben vor allem alte, mittellose und kranke Juden zurück. In seinem Jahresrückblick im Göttinger Tageblatt wenige Wochen nach dem Novemberpogrom begrüßte Chefredakteur Dr. Viktor Wurm ausdrücklich den „seit dem Jahre 1933 eingeschlagenen Weg zu einer endgültigen und totalen Lösung der Judenfrage.“

„Judenkolonne“

Im Januar 1939 wurden in Göttingen alle als arbeitsfähig eingestuften männliche Juden – es waren nur noch 26 – zwangsweise zu einer „Judenkolonne“ zusammengefasst und zu Erd- und Wegebauarbeiten bei der Hoch- und Tiefbaufirma August Drege eingesetzt, insbesondere zur Beseitigung von Hochwasserschäden am Flüthedamm der Leine.

Bei 66 Pfennig Stundenlohn betrug ihr wöchentliches Arbeitspensum rund 50 Stunden, im Unterschied zu den „arischen“ Arbeitern erhielten sie keinerlei Zulagen oder Sozialleistungen. Die meisten von ihnen hatten ihr Geschäft als Händler und Kaufleute aufgeben müssen; Hans Barnaß, Leopold Blaich, Heinz Junger, Kurt Jacobi, Julius Jacobs, Karl Löwenstein, Kurt Meininger, Moritz Meyerstein, Isidor Nußbaum, Isfried Plaut und andere mussten diese besonders anstrengende Zwangsarbeit verrichten.


Die nationalsozialistische Diktatur führt zu einer fast totalen Vernichtung des jüdischen Lebens in Göttingen. 1938 wird die Synagoge niedergebrannt. Fast alle Juden werden bis 1942 in Vernichtungslager deportiert. Nur wenige überleben, viele fliehen ins Ausland, nur wenige kehren nach dem Krieg zurück. Das Gedenkbuch „Die jüdischen Bürger im Kreis Göttingen 1933–1945“ erzählt davon. Einige der sogenannten Kennkarten mit einem eingedruckten großen „J“ bewahrt das Stadtarchiv auf. Quelle: Städtisches Museum Göttingen

Weitere Zwangsmaßnahmen

Im April 1939 zwang ein „Gesetz über Mietverhältnisse mit Juden“ jüdische Hauseigentümer zum Verkauf ihrer Häuser. Eine Volkszählung vom 17. Mai 1939 ergab, dass zwischen März 1938 und Mai 1939 rund 326 000 Juden das Reich verlassen hatten.

Eine Verordnung vom 4. Juli erlegte allen Juden zwangsweise den Zusammenschluss zur „Reichsvereinigung der Juden in Deutschland“ auf; damit verloren die örtlichen jüdischen Gemeinden und Verbände ihre Selbstständigkeit. Die Leitung der „Reichsvereinigung“ wurde von den Nationalsozialisten eingesetzt und von der Gestapo kontrolliert. Aufgaben der Zwangsvereinigung waren: die Auswanderungen zu fördern, die schulische Versorgung der jüdischen Kinder zu übernehmen und eine innerjüdische Wohlfahrtspflege zu organisieren. In diesem Zusammenhang gründete die Göttinger Judengemeinde – auch wegen des hohen Anteils von mittellosen, hilfs- und pflegebedürftigen Gemeindemitgliedern – einen Hilfsverein und stellte als Krankenpflegerin Grete Plaut ein.

Eine Anordnung vom 14. August verbot den Juden, außerhalb der Zeit von 11.30 Uhr bis 12.00 Uhr auf dem Wochenmarkt einzukaufen, um der nichtjüdischen Bevölkerung ein Vorkaufsrecht zu verschaffen. Eine Anordnung vom 1. September untersagte allen Juden, sich im Sommer nach 21 Uhr und im Winter nach 20 Uhr außerhalb ihrer Wohnung aufzuhalten.

Ebenfalls seit dem 1. September mussten alle über sechs Jahre alten Juden sichtbar an ihrer Kleidung den „Judenstern“ tragen; ferner durften sie den Bereich ihrer Wohngemeinde nur noch mit polizeilicher Genehmigung verlassen. Außerdem wurde ihnen untersagt, Orden, Ehrenzeichen und sonstige Abzeichen zu tragen. Angesichts der Schikanen, Drangsalierungen und Entwürdigungen nahmen sich in Göttingen 15 jüdische Menschen das Leben.


Das „Judenhaus“ an der Weender Landstraße 26. Quelle: Städtisches Museum Göttingen

„Judenhäuser“

Gegen Ende des Jahres 1939 wurden die meisten noch verbliebenen Göttinger Juden unter bewusst menschenunwürdig gehaltenen Bedingungen in sechs „Judenhäusern“ zusammengefasst. Vor allem im Haus der Moritz-Lazarus-Loge an der Weender Landstraße wurde ein größerer Teil der jüdischen Bürger zwangsweise einquartiert. In diesem Haus hatte die jüdische Gemeinde Feste, Vorträge und Konzerte organisiert, weil die Göttinger Gastwirte keine Säle mehr zu Verfügung stellten.

Den schließlich auf 42 Personen angewachsenen Bewohnern, die hier unter dürftigsten Bedingungen leben mussten, war bewusst, was folgen würde: die Deportation. Im Oktober 1941 untersagte Heinrich Himmler jegliche weiteren Auswanderungen von Juden aus Deutschland.

Deportationen

Auf der Berliner Wannsee-Konferenz vom 20. Januar 1942 proklamierte Reinhard Heydrich, Chef der Sicherheitspolizei und des SD, die „Endlösung der Judenfrage“. In der Folge wurde die Deportation auch der Juden aus dem südlichen Niedersachsen vorbereitet. Am 20. März wurde die Göttinger „Judenkolonne“ aufgelöst. Am 26. März wurden mehr als einhundert Juden aus dem damaligen Landkreis Göttingen über Hannover-Ahlem und Trawniki ins Warschauer Ghetto und später weiter in die Vernichtungslager deportiert. Aus Göttingen befanden sich darunter fast alle jüdischen Menschen unter 65 Jahren, auch Kinder.

Am 21. Juli erfolgte ein weiterer Transport von rund fünfzig Juden aus Göttingen und fünf aus Hannoversch Münden, die meisten älter als 65 Jahre, nach Theresienstadt. Aus Adelebsen wurden achtzehn jüdische Bewohner deportiert.

Nach der Besetzung westeuropäischer Länder und Gebiete durch die Deutsche Wehrmacht wurden auch etliche Juden aus Göttingen, die Jahre zuvor in die Niederlande emigriert waren, verhaftet und in die Konzentrations- bzw. Vernichtungslager deportiert. Dieses Schicksal erlitten Anneliese Löwenthal, Bella Löwenthal, Fritz Polak, Gustav und Johanna Löwenthal, Julius und Minna Rosenstein, Friedrich Rosenberg und seine Mutter Rosa Rosenberg, Moritz Schloß und sein Sohn Kurt Schloß, Alfons Meyer, Rudolf und Ilse Eichenberg.

Nach mehr als einem halben Jahrtausend war die Geschichte der Göttinger Juden gewaltsam beendet.

Die Bewohner des Judenhauses Weender Landstraße 26:

Info: Peter Aufgebauer ist ein Göttinger Historiker. Bis 2013 war er Professor am Institut für Historische Landesforschung. Seit seiner Emeritierung ist Aufgebauer Vorsitzender des „Geschichtsvereins für Göttingen und Umgebung“.